schwerer römer
02.04.2017
am rechten, kleinen Finger ein Saphir,
darüber die langärmlige Seidenbluse,
darunter der knielange Samt.
In der linken Hand ein schwerer Römer,
gefüllt mit Rotwein,
aus der Donauregion.
Innen Alles überzogen mit Rosé-
Außen eine Schicht Weiß-
Gold, Gold, Gold.
Ziele müssen her,
Wünsche müssen an die Ziele angepasst werden,
Wunschfluss wird zum Geldfluss.
Der Bruder fühlte sich immer verantwortlich für das Leben und die Versorgung der kleinen Schwester, denn schließlich hatte er diese in der Nachkriegszeit in Wien zurückgelassen und war allein fortgegangen. Als Wiedergutmachung überließ er ihr die kreisförmige Wohnung der Mutter im dritten Bezirk und kaufte ihr ein kleines Häuschen mit Garten an der Donau. Die Räume der kreisförmigen Wohnung waren großzügig gehalten, jedoch durch die Lage im Erdgeschoss, der niedrig gesetzten Fenster und des schwarzen Pudels der Schwester oft staubig. Die Luft darin war zudem sauerstoffarm. Einzelne Zimmer rochen stark nach Damenduft, Lotion, Haarspray und anderen diversen Kosmetika für die die Schwester eine Schwäche hegte und die der Bruder finanzierte. Parkett gab es nicht mehr, dafür war jedes Zimmer, außer der Küche mit rosafarbenen Teppichboden ausgelegt, der täglich gründlich gereinigt werden musste. Das helle Rosa war besonders dominant im Schlafzimmer, denn hier verbreitete sich dieser pudrige Kitsch auf Vorhänge, Bettdecke, Hundebett, Haarbürste, Parfümflakons und Nachtkleider. Alles wirkte sehr alt und mit der Zeit wurde das Rosa durch die konstante Staubbelastung fahl und ekelhaft.
Im Wohnzimmer stand ein Fernseher und am Abend schaute man dort, fest eingekuschelt in Wolldecke und Pudelfell, dazu schwere Römer, die Rotwein trugen, einen langatmigen Spielfilm, der zum Einschlafen einlud. Die Lockenwickler waren dabei bereits streng in die kurzen, grauen Haare eingearbeitet und darüber wickelte sich ein ausgeblichenes Seidentuch. Die gesamte Wohnung befand sich in einem Innenhof und war von Garagenplätzen umgeben, die früher Pferdestallungen waren. Blumen in Töpfen bemühten sich um natürliche Farbe in diesem Grau. Wenn sich im Sommer die Mittagssonne über dieses Grau legte, dann wurde das geschenkte Holzhaus an der Alten Donau aufgesucht. Da die Schwester keinen Führerschein hatte, ließ sie sich entweder von dem Bruder im Auto oder in einem Taxi dahin bringen.
Sie wollte nie an der Donau sein,
oder in der Donau schwimmen,
das Donauleichenwasser riechen oder schmecken,
Sie wollte lieber ans Meer
oder zumindest an die polnische Ostsee.
Auch das Holzhaus war nur erdgeschossig und wies die gleichen Merkmale wie die kreisförmige Wohnung auf; staubig und luftarm. Zumindest gab es einen Garten und so gammelte der schwarze Pudel zwischen den Bäumen, statt zwischen Stuhl und Tisch und ließ das überschüssige Fell ins Gras fallen. Neben dem Bruder verbrachte auch der ehemalige Burgschauspieler, den die Schwester geheiratet hatte und von dem sie sich jedoch einige Jahre später wegen Untreue scheiden lassen musste, seine Freizeit in dem Holzhaus. Denn nun, da sie beide alt und kinderlos und zu Kulturbanausen verkommen waren, konnte man sich endlich wieder zueinander bekennen und gemeinsam mit dem großzügigen Bruder ein Sozialleben rund um diese zwei Wiener Wohnsitze organisieren.
Geburtstage, Neujahr, kleine Gartenpartys,
große Sommerfeste, Kindergeburtstage,
Feiertage und Fenstertage,
Rotwein im schweren Römer.
am rechten, kleinen Finger ein Saphir,
darüber die langärmlige Seidenbluse,
darunter der rosafarbene Badeanzug.
Sie wollte eigentlich immer an der Donau sein.
cf. Klaus Theweleit (2000): Männerphantasien 1+2.
Textserie zu Identität, Familie und Erinnerung. Teil I.