sachen

18.08.2018

ledertaschen, wollmäntel, dekorationsobjekte, sammlungsobjekte, vasen, messer, tassen, teller und einzelne schmuckstücke, die zwar häufig getragen, aber oft auch auf einen der vielen kleinen tische im wohnzimmer abgelegt liegen, werden von den kindern bereits in jungen jahren mit scharfen augen beobachtet und bewertet. über die brillanten legt sich ein feuchter hauch kinderatem und kleine fingerabdrücke hinterlassen spuren auf mundgeblasenen gläsern und handgeschliffenen champagnerflöten. der metallische geruch von modeschmuck lässt die kleinen nasen rümpfen und die grüne abfärbung, die durch die zu intensive berührung mit den falschen armreifen hervorkommt, waschen sich die kinder schnell von den fingern und handflächen ab. das kleidungsstück der mutter ist aus kaschmir, der rock aus muschelseide oder ananasseide und alles andere aus pamir, königswolle oder baumwollsatin. durch jahrelanges ziehen, greifen und zerren am rock der mutter können die kinder hochwertiges material rasch erfühlen, auch glanz und bewegung von stoff und farbe helfen bei der erkennung von hochwertigkeit. die mutter verwendet ausdrücke wie gouvernante und beschwert sich über das hauspersonal, weil es natürlich stehlen werde, so wie es auch die kinder bald tun werden. 

Die Gelder also: Aber die wollen erst mal gierigen Armen entrissen und andren gierigen Armen weitergegeben werden.

viele gegenstände im haus sind wertvoll und werden entnommen und für ein paar tage unter einem bett verstaut, nur um dann später wieder an ihren ursprünglichen platz zurückgelegt zu werden. wertvolles wird jedoch selten vermisst, entweder weil zu viel dergleichen am selben ort verteilt liegt oder weil gerade erst gestern wieder etwas neues gekauft, etwas altes nachgekauft oder ein toter, verwinkelter hausabschnitt neu dekoriert wurde. möbel, polster, teppich, vase – alles neu. 

Ich erinnere mich an das hohe quadratische Kinderspielzimmer, die schweren roten Samtvorhänge und die Spitzengardinen dahinter, das Kamingitter aus Messing vor dem gefährlich lodernden Feuer, die erstickende Fülle von Sachen, Sachen, Sachen. 

in der küche wackeln und dampfen die töpfe und pfannen aus kupfer und messing – alles unbeaufsichtigt. die gouvernante schleicht um die stühle, tische und hüfthohen schränke, als wäre sie ein pferd auf einem parcour. zwischen ihren dicken fingern balancieren drei kristallgläser, die mit aufgeschlagenem eigelb und zucker gefüllt sind. die kinder haben weinrote untertassen auf das biedermeier-möbel bereitgelegt und verschränken ihre hände im schoß unter cremefarbenen servietten. das ei wird mit silberlöffeln leise geschlürft. dabei bilden sich flecken aus hastigkeit auf dem teppich. 

Bei uns zu Hause lebte man ständig, als fände gerade Generalprobe für einen Hofbesuch statt, ich weiß nicht, ob am Hofe der Kaiserin von Österreich oder des französischen Ludwig oder gar jener Turiner Bergbewohner.  


cf. Italo Calvino (1957): Der Baron auf den Bäumen.
cf. Elfriede Jelinek (2002): Gier.
cf. Doris Lessing (1985): Das Leben meiner Mutter.

Textserie zu Identität, Familie und Erinnerung. Teil III.