nora

02.07.2016

Im Haus, das dem Mann gehört, aber die Mutter bewohnt, in dem die vier Kinder leben und ungewohnt verwöhnt werden – und dass, obwohl sie alles falsch machen, aber das, was sie falsch machen, ist dann eher zum Lachen und keiner wird bestraft vom Vater oder der Mutter –, man kann sich einfach so räkeln, etwas lesen und Fernsehen. Und am späten Abend, wenn die Knochen gekocht in der Suppe schwimmen und das Schweinefleisch gerochen und von dem kleinen Mädchen erbrochen wird, dann sagt der Vater: „Das ist doch ganz normal.“

Wenn der Bub schon wieder auf dem Boden liegt, um sich schlägt und schreit, weil er nicht essen will, dann hebt die Mutter ihn besorgt hoch, setzt ihn auf ihren Schoß, wippt das Kind hin und her und erzählt eine Geschichte, bis der Bub eingeschlafen ist. Und dann will die Mutter meist auch nicht mehr essen, weil sie so müde geworden ist, und obwohl sie Hunger hat und extra diese frischen Kalbszungen gemacht hat.

„Beim Essen ist es immer wichtig, dass du die Hand auf dem Tisch hast“, erklärt die Mutter der Freundin, und „Pass auf deine weiße Bluse auf“, sagt sie weiter, weil die Freundin gerade Barszcz isst und das rote Flecken macht. „Dann wird dein ganzes Oberteil verdreckt“, sagt die Mutter schon etwas streng. Die Tochter weiß das schon, während sie am Löffel leckt und ihre linke Hand rebellisch im schwarzen Rock versteckt. Aber dieser Ungehorsam wird weggelacht, weil man nicht immer böse sein muss, besonders nicht vor fremden Leuten – wobei sich die Freundin vielleicht auch nichts dabei denkt, bei dem Kopfschütteln und der Hand, die plötzlich auf der Schulter der Tochter liegt.

Der Helmer schimpft immer liebevoll mit seiner Nora, weil diese beim Einkaufen nicht maßhalten kann. Jetzt war sie schon wieder mit der Schwester von Helmer unterwegs und hat statt des Kochtopfs einen Pelzmantel mitgebracht. Das ist ärgerlich und teuer, aber der Mann ist von der Frau so verzaubert, auch wenn sie nicht sparsam sein kann. Obwohl Nora vierfache Mutter ist, hat sie immer noch das Wesen eines Kindes und das gefällt ihm. Das hat auch einmal der jüngste Sohn der Mutter gesagt; er hat ihr gesagt, dass sie einem kleinen Mädchen ähnelt.

Wenn der zweite Sohn, der weniger schreit, aber viel jammert, ihr auf die Nerven geht, dann nimmt die Mutter die Tochter und bringt sie zu den Pferden, die außerhalb der Stadt sind. Dort reitet die Tochter auf dem größten Tier, weil sie das so haben will. Das Pferd muss immer ein Hengst sein und wenn möglich schwarzes oder tiefbraunes Fell haben und sehr schwer zu erklimmen sein. Wenn sie dann auf dem Pferd sitzt, trabt und galoppiert, dann spürt sie die Reibung zwischen ihren dünnen Beinen und die Wärme und beugt sich dabei leicht nach vorne – manchmal so weit, dass ihre Nasenspitze den hinteren Teil des Pferdehalses berührt. Dann riecht sie noch liebevoll an dem Pferdehaar, zum Abschluss, weil die Mutter wieder nach Hause will, um nach dem zweiten Sohn zu sehen. Sie vermisst den zweiten Sohn schon und der erste Sohn könnte auch schon wieder am Boden liegen und weinen – und irgendwann muss auch der sich mal benehmen und etwas essen. 


cf. Henrik Ibsen (1879): Nora [Ein Puppenheim]